Jahresbericht 2010
Von Riesen und Zwergen oder wie
Gruppendynamik wirkt!
Das weinende Kamel
Die wohl kleinste Gruppe in der DSW bilden die drei jeweils für eine Woche eingeteilten Schüler und ihr Lehrer. In der „Abgeschlossenheit“ und dem beinahe intimen Raum ihres Schulzimmers ist trotz aller spürbaren Defizite doch auch Erstaunliches und Erfreuliches möglich: So wird immer wieder klassische Musik durchaus mehr als nur goutiert, was in einer grösseren Gruppe so kaum möglich wäre. Ebenso gelingt es den Jugendlichen Filme, die bei freier Wahl nie zum Zuge kämen, tatsächlich an sich herankommen zu lassen und Betroffenheit, Ergriffenheit zuzulassen und auch zu zeigen. So zum Beispiel der Film „Das weinende Kamel“: Es ist dies eine wahre Geschichte aus einer anderen Welt, ja fast schon aus einer anderen Zeit. Der Film erzählt von den ersten Schritten eines Kamelfohlens in der Mongolei, das nach der schweren Geburt von seiner Mutter verstossen wird. Doch das Kleine kämpft um die Liebe der abweisenden Mutter. Die Nomaden versuchen alles, um die beiden wieder zu vereinen. Schliesslich greifen sie einen uralten Brauch auf: Mit Gesang und den magischen Klängen der Pferdekopfgeige dringen sie ins Innerste ihres Herzens und die Kamelmutter vergiesst schliesslich dicke „Kameltränen“ und nimmt ihr Kind wieder an. Der Film ist eine stille, sensible Erzählung aus einer fernen Kultur und vermittelt tiefe Einblicke in den Alltag der Nomaden, zeigt das Leben der Menschen, die in einer einsamen Gegend den Weg zwischen Tradition und Fortschritt in die Zukunft suchen.
Wichtig ist hier doch die Parallele zu den Jugendlichen selbst, die von ihren Eltern, Familien, von der Gesellschaft etc. „verstossen“ wurden (zumindest im eigenen Erleben) und die ein Angenommensein ersehnen. Der Film ist dafür ein „Schlüssel“ (um die Jugendlichen bzw. ihr Herz zu öffnen), dann ist weitere positive Arbeit und Entwicklung möglich
Wie eben einleitend bemerkt, erlaubt es die Gruppenzusammensetzung und -dynamik (drei Jugendliche und ein Lehrer) immer wieder, dass dieser „langweilige und fremde“ Film ankommt! Gerührtheit bis zu Augenwasser, Konzentration bis zum Schluss und irgendwie spürbare, nachhaltige Freude über das geheimnisvolle Gelingen ist in einer solchen Kleinstgruppe möglich. Das ist auch für mich selber immer wieder ein erfüllendes Erlebnis.
Aus organisatorischen Gründen mussten wir an einem Freitagnachmittag Schule und Werkstatt zusammenfassen und mit allen acht Jugendlichen einen Film schauen. Aufgrund des oben berichteten setzte ich mich durch und wir entschlossen uns für „Das weinende Kamel“. Wir waren jetzt zwei Erwachsene und acht Jugendliche. Wir zwei hatten die Aufsicht und mussten die Gruppe recht bald ermahnen und um Ruhe bitten. Es kam zu einer leisen Dauerspannung, die die nötige Konzentration für den Film beeinträchtigte (destruktiv orientierte Dynamik in der Gruppe) also eine total andere Stimmung als in der „intimen“ Kleingruppe („Grossvater“ mit drei Schülern).
Trotzdem haben wir durchgehalten bis zum Schluss. Das Erlebnis war vollkommen anders. Von einem sich Einlassen auf das feine Geschehen im Film konnte so für niemanden die Rede sein! In der begleiteten kleinsten Gruppe können Jugendliche ohne Scham ‚andere’ Gefühle zeigen ohne darauf zu achten, was die Gruppe macht. Es ist die Summe solcher Erlebnisse und Erfahrungen die Jugendliche stark macht, um dann in einer grösseren Gemeinschaft und schlussendlich in der Gesellschaft nicht bloss zu funktionieren, sondern ein erfülltes Leben zu gestalten.
Oswald Käser, Lehrer