Jahresbericht 2010


Von Riesen und Zwergen oder wie

Gruppendynamik wirkt!

 

 „..nicht mehr Staub aufwirbeln als Du schlucken kannst.“

Einleitung
Sie, einige der Jugendlichen der DSW, bekennen sich zur Angehörigkeit einer Peergroup aus der Schule und der Nachbarschaft. Fast alle hören Musik und spielen mehrheitlich gern Fussball. Viele von ihnen haben Vereinserfahrung. Den Leistungsdruck und das regelmässige Trainieren hatten sie jedoch satt und sie wollen auch nicht jedes Wochenende  gegen eine andere Mannschaft antreten. Zudem verzichten sie auch nicht auf Partys, Alkohol-, Tabak- und Cannabiskonsum. Sie treffen sich zum „Hängen“ in Jugendtreffs und auf öffentlichen Plätzen. Sie entscheiden sich spontan, aus Lust zum „Quatschen“, Fussballspiel  oder Musikhören, als Aktivität.  In diesen Peergroups gibt es nur selten formelle Anführer. Vielmehr setzen sich die durch, die ihre Pläne und Anliegen am besten „verkaufen“ und genügend Anhänger mobilisieren können. Eine vermeintlich „geile Action“, intensives Erleben durch Tun – wie Diebstahl, Raubüberfall, Gewaltanwendung einzelner und in der Gruppe an Jugendlichen oder Erwachsenen, sexuelle Nötigungen und vieles mehr – wurde einigen zum „Verhängnis“, was zur Einweisung in die DSW führte. Für viele von ihnen ersetzte die Peergroup mehr und mehr die traditionelle Funktion der Familie und ist für sie in der Adoleszenz zum wirksamen Erfahrungs- und Orientierungsrahmen geworden.

Fazit: Einzelne werden von ihren Peergroups vorübergehend, infolge Gesetzesverstösse, zwangsläufig  ausgeschlossen und neue formale Peer – Zusammenschlüsse bilden sich auf dem  entsprechenden Nährboden neu.

Ein ständiger Prozess von Zusammenfinden und Formierung in der DSW. Bedingt durch etwa vierzig Ein- und Austritte pro Jahr ist ein ständiges sogenanntes Ranking (Rangordnung, Rangfolge) unvermeidbar. Die einen haben den Anspruch auf eine Führungsrolle,  andere  erweisen sich als „einfache“ Mitglieder,  wiederum andere kommen in die Rolle des Sündenbocks  oder die des Aussenseiters.  Oft treffen einzelne Mitglieder der unterschiedlichsten Peergroups aus verschiedenen Stadtteilen und Regionen  aufeinander.  Neben Jugendlichen, die in der Schweiz geboren wurden, haben andere ihre Wurzeln  in den Kulturen der Welt. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sie sich über Geschichten  vom  gemeinsamen Erleben auf der Strasse,  Institutionen die sie kennen oder aus der Untersuchungshaft her kennen. Über die sogenannte Hinterbühne ermitteln die Jugendlichen schnell Details über „die Neuen“ - weitaus schneller als es den Erwachsenen möglich ist. Daneben kennen sie einzelne MitarbeiterInnen vom Hörensagen und bringen unter Umständen entsprechende Vorurteile von Aussen mit. Jeder Jugendliche, der neu eintritt, erlebt die DSW- MitarbeiterInnen als Fachpersonen, die sich an die Strukturen, Regeln und die vorgegebenen Abläufe halten Mit der Einforderung von Struktur und Ordnung unsererseits sind Reibungspunkte täglich gegeben. Für die Jugendlichen spielen Sympathie und Antipathie eine grosse Rolle.

Neben Einzelkonflikten solidarisieren sich Interessensgruppen und Fronten beiderseits. Wir, die mit Nachdruck Dinge fordern, und die Jugendlichen, die teilweise als Gruppe mit Widerstand reagieren oder gemeinsam, z.B. mit legalen Anträgen auf Änderungen hoffen und diese auch teilweise bewirken können. Natürlich kennen und erleben wir die negative Seite der Jugendlichengruppe. Diese zeigt sich vereinzelt in kollektiver Verweigerung oder durch Auflehnung gegen das enge Regelwerk. Oft reagieren sie auch gegen einzelne Erwachsene, durch die sie sich nachteilig behandelt fühlen und schaffen sich damit über Interpretation und gegenseitige „Ansteckung“ einen gemeinsamen Feind. Der Feind kann auch ein anderer Jugendlicher sein, den sie als Gruppe gemeinsam ausgrenzen oder in die Rolle des Sündenbocks hieven. Die Jugendlichen verstehen auch sehr gut, wie sie uns ablenken können, um zum Beispiel Freiräume für unerlaubtes Rauchen zu schaffen.

Wir sind als Team gefordert, durch eine behutsame Regulierung der Gruppe immer wieder für Ausgleich zu sorgen. Die Tatsache, dass Ausgrenzung passiert fordert zusätzliche Aufmerksamkeit damit die Jugendlichen, die unter Druck stehen nicht in unbeaufsichtigten Momenten körperliche Gewalt erleben. Dabei handelt es sich oft um Jüngere, die wenig Respekt zeigen, oder solche bei denen sich der Einweisungsgrund auf sexualisierte Gewalt bezieht (unreflektierte Weitergabe einer „Knasthierarchie). Über themenspezifische Gesprächsrunden sind wir gefordert, Betroffene wieder zu integrieren (das müssen die „Aussenseiter“ aber auch wirklich wollen, denn sie verlieren dann ihren Status).

Bei unseren regelmässig stattfindenden Gesprächsrunden erleben wir auch immer wieder äusserst positive Momente. Jugendliche sind berührt, zeigen Gefühle und Betroffenheit in Bezug auf ihre Opfer. Oft springt der Funke Einzelner auf die ganze Gruppe über. Es sind dann lehrreiche und konstruktive Gespräche möglich. Die Jugendlichen hören sich zu, gehen aufeinander ein und vermitteln durch Selbstaussagen konstruktive Veränderungsansätze, die von den Bezugspersonen im Nachhinein in Einzelgesprächen wiederum aufgenommen und vertieft werden können. Ein deutliches Beispiel dafür sind Gespräche rund um Drogen und Sucht. In solchen Runden wird oft deutlich, dass die Jugendlichen die unterschiedlichsten Erfahrungen gemacht haben. Sie sind in der Lage ihre eigenen Grenzen deutlich zu machen. Einzelne thematisieren wiederum ihre Sorgen um andere, die offen dazu stehen, noch weiter Substanzen auszuprobieren.

Solche Gesprächsrunden haben präventiven Charakter oder verdeutlichen die Abhängigkeit des Einzelnen zur Gruppe und Gemeinschaft.

Jörg Weber, Sozialpädagoge