Jahresbericht 2010
Von Riesen und Zwergen oder wie
Gruppendynamik wirkt!
Von Riesen und Zwergen
Wir sind hier weil es letztlich kein Entrinnen vor uns selbst gibt. Solange der Mensch sich nicht selbst in den Augen und Herzen seiner Mitmenschen begegnet, ist er auf der Flucht. Solange er nicht zulässt, dass seine Mitmenschen an seinem Innersten teilhaben, gibt es für ihn keine Geborgenheit. Solange er sich fürchtet, durchschaut zu werden, kann er weder sich noch andere erkennen – er wird allein sein.
Wo können wir solch einen Spiegel finden, wenn nicht in unseren Nächsten? Hier in der Gemeinschaft kann ein Mensch erst richtig klar über sich werden und sich nicht mehr als den Riesen seiner Träume oder den Zwerg seiner Ängste sehen, sondern als Mensch, der - Teil eines Ganzen - zu ihrem Wohl seinen Beitrag leistet.“
Richard Beauvais (1964)
Wenn die Jugendlichen neu in die DSW kommen, erleben sie die Gruppe in der Regel als Zwangsgemeinschaft. Wenn der Gruppenprozess gut verläuft, kann sie als Schicksalsgemeinschaft erfahren werden, was sich positiv auf die weitere Entwicklung der Jugendlichen auswirken kann. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Jugendlichen in der DSW beträgt drei bis vier Monate. Dadurch entsteht ein ganz eigener Rhythmus in der Gruppendynamik. Zu Beginn der Gruppenbildung findet ein Rankingprozess statt, wie ich ihn im Jahresbericht 2006 in Anlehnung an Polsky`s Diamant beschrieben habe. In diesem Prozess werden die Rollen und die Hierarchien untereinander durch die Jugendlichen festgelegt. Bedingt durch die kurze Aufenthaltsdauer ändern sich die Rollen schnell.
„Um die Dynamik einer Gruppe zu beschreiben, unterscheiden wir drei Dimensionen des gruppendynamischen Prozesses und damit drei notwendige Aufgaben, auf die jede Gruppe eine Antwort finden muss: Zugehörigkeit, Macht und Intimität“. (1)
„In jeder Gruppe muss geklärt werden, wer dazugehört und wer nicht, wer im Zentrum steht und wer am Rand“. (2)
„In jeder Gruppe werden die damit verbundenen existentiellen Fragen angestoßen: Gehöre ich dazu oder nicht? Schaffe ich es hineinzukommen? Sie zeigen, dass man in Gruppen nicht einfach hineingehen kann, auch wenn die Tür offen zu sein scheint. Es gibt eine unsichtbare Grenze, an der bestimmt wird, wer hereinkommt und wer nicht und welche Regeln dabei beachtet werden müssen“. (3)[1]
Eine wichtiger Faktor im Ranking der Jugendlichen sind die Rollen, die sie in ihren Herkunftsfamilien und in ihrer Peer- Group eingenommen haben sowie das Verhalten, das sie dort gelernt haben und mitbringen. Ein Jugendlicher, der bereits in seiner Familie die Sündenbockrolle hatte, wird diese Rolle auch innerhalb der Jugendlichengruppe schneller zugewiesen bekommen. Ein anderer wesentlicher Aspekt ist die Bewertung der Delikte innerhalb des Bewertungssystems der Jugendlichen. Dabei spielen sowohl die Art wie die Anzahl der Delikte eine Rolle. Delikte, die sich im Rahmen von Raub, Einbrüchen, leichteren Gewaltdelikten bewegen, werden in der Regel hoch angesiedelt, Sexualdelikte ganz unten. Entscheidend ist jedoch, wie sich der Jugendliche beim Eintritt in die Gruppe damit präsentiert beziehungsweise präsentieren kann, abhängig von seinen sozialen und intellektuellen Kompetenzen.
Im Eintrittsgespräch zeigen die Jugendlichen oft eine andere Seite als wenige Zeit später im Rahmen der Jugendlichengruppe. Die gleiche Geschichte, die manchmal unter Tränen im Erstgespräch erzählt wird, kann „auf dem Balkon“, der im Rahmen der DSW die größte Nähe zur Strasse repräsentiert, als „Heldengeschichte“ dargestellt werden. Im Schutz des Erstgesprächs sprechen die Jugendlichen manchmal ihre Ängste an, die sie vor den anderen Jugendlichen haben. Oft liegen negative Gruppenerfahrungen zugrunde. Meiner Beobachtung nach ist der Kampf um die vorletzte Position (das so genannte „Schlusslicht“) schwieriger, härter und anhaltender als der Kampf um die Führungsposition. Wir versuchen die Prozesse konstruktiv zu nutzen und an den Stellen Einfluss zu nehmen, an denen die „gesunden“ Hierarchien aus dem Gleichgewicht geraten. Ich möchte dabei auf das Bild von verschiedenen Strömungen auf hoher See zurückgreifen, zwischen denen wir das „Schiff“ steuern müssen, damit alle Jugendlichen an Bord und auf Kurs bleiben können.
Es erfordert einiges Fingerspitzengefühl, auf welcher Ebene wir Einfluss nehmen, damit wir sowohl die einzelnen Jugendlichen wie den Gesamtprozess der Gruppe unterstützen können. Ein Zuwenig kann sich genauso ungünstig auswirken wie ein Zuviel. In beiden Fällen können sich Rollen zementieren. Ein Jugendlicher, der die Sündenbockrolle hat, verbessert seine Situation nicht dadurch, dass ihn die Erwachsenen vor der Gruppe in Schutz nehmen. Er muss lernen, sich mit seinen eigenen Anteilen auseinander zu setzen. Das bedeutet in der Regel die Erweiterung seiner sozialen Kompetenzen zu erlernen.
Ein Steuerungselement ist das umfangreiche Regelwerk der DSW, das helfen soll, unerwünschte Mechanismen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Beispielsweise dürfen die Jugendlichen keine Tauschgeschäfte mit Kleidern oder Süssigkeiten machen. Daneben arbeiten wir mit Alltagsritualen, die ein Gegengewicht zum Rankingprozess der Jugendlichen bilden. Es gibt eine nach Eintrittsdatum festgelegte Sitzordnung bei Tisch oder im Fernsehzimmer, so ass jeder Jugendliche immer wieder eine neue Position einnimmt. Der „dienstälteste“ Jugendliche hat das Privileg, in begrenztem Mass zu bestimmen. Konstruktive Führungsqualitäten versuchen wir als Ressource für die Gruppendynamik zu nutzen, indem wir einzelne Jugendliche ermutigen Verantwortung für die Gruppe zu übernehmen. Ein anderer Weg der Einflussnahme ist das Einzelgespräch, in dem wir mit den Jugendlichen das Gruppengeschehen reflektieren, ihnen die Mechanismen innerhalb der Gruppe und ihr eigenes Verhalten aufzeigen und hilfreiche Alternativen mit ihnen erarbeiten.
Viele unserer Jugendlichen kommen aus zerrissenen Familienverhältnissen und/oder haben komplexe Biografien. Es kann hilfreich sein, im Rahmen der Bezugspersonenarbeit ein sogenanntes Genogramm zu erstellen und zu besprechen. Jugendliche aus Patchworkfamilien zum Beispiel können dadurch einen Überblick und neue Sichtweisen über ihr Familiensystem bekommen, was ihnen auf indirektem Weg helfen kann einen guten Platz zu finden.
Gruppengespräche, die einmal wöchentlich als Gesprächsgruppe und vierzehntägig als Gruppe zu den Einweisungsgründen stattfinden, sind eine weitere Möglichkeit der Einflussnahme. In der wöchentlich stattfindenden Gruppe bestimmen die Jugendlichen die Themen, die sie beschäftigen. In der vierzehntägigen Gruppe ist ein durch seine Bezugsperson vorbereiteter Jugendlicher eingeladen, sich in der Gruppe mit den Gründen, die zu seiner Einweisung geführt haben, zu zeigen. In dieser Gruppe ist für die Jugendlichen am meisten Intimität möglich. Ich bin immer wieder positiv überrascht mit welcher Klarheit und mit welchem Respekt sich die Jugendlichen im Rahmen dieses Settings begegnen können und neue Erfahrungen machen: die Erfahrung, dass sie sich in allen Facetten ihres Menschseins zeigen können und respektiert sind, mit ihren Schwächen, Nöten und Ängsten. Unsere vielschichtigen Bemühungen dienen letztlich alle dazu, dem Ziel, wie es das Eingangszitat beschreibt, etwas näher zu kommen.
Christa Schweizer, Sozialpädagogin
[1] Oliver König, Karl Schattenhofer: Einführung in die Gruppendynamik, Heidelberg 2010