Jahresbericht 2010


Von Riesen und Zwergen oder wie

Gruppendynamik wirkt!

 

Gruppenprozesse und Gewalt-Subkultur

SCHNEIDER beschreibt in seinem Standardwerk die Theorie der Gewalt-Subkultur eine von mehreren gruppendynamischen Theorien für die Ursache von Gewaltverbrechen:
Nach dieser Theorie lernt man Gewalt und Ideologie am Erfolg und am Modell in der Gruppe der Gleichaltrigen. Im Gruppenlernprozess wird Gewalt nachgeahmt; sie wird mit Gruppen- Verstärkung als annehmbar definiert. Sie ist – in der Meinung der Gruppe – ein notwendiges Mittel, um Gruppennormen zu verteidigen; sie ist – alles in allem – für sie eine erfreuliche und aufregende, spannende Erfahrung, die die Gruppenmitglieder mitunter in Viktimisierungs- ekstase geraten lässt. [1]

In der täglichen Praxis mit den delinquenten Jugendlichen in der DSW spielt diese Problematik nicht selten eine wichtige Rolle. Des Öfteren berichten Jugendliche glaubhaft, dass sie bestimmte Taten ohne den verstärkenden Einfluss einer Gruppensituation niemals begangen hätten. Deliktrelevante Verhaltensweisen spiegeln sich häufig in den Interaktionen der Jugendlichen auf der Wohngruppe wider. Meist ist ihnen nicht bewusst, wie stark sie sich durch Gruppenprozesse, Rang- und Machtkämpfe steuern lassen und wie viel stärker die Anerkennung der Gruppe wiegt als das Befolgen von Regeln - auch eigener, vielleicht zu wenig verwurzelter Wertvorstellungen. Deshalb ist es auch in der Einzelbehandlung und in der Deliktanamnese von grosser Bedeutung, mit den jugendlichen Tätern die gruppendynamischen Abläufe minutiös zu erfragen und zu analysieren. Dies ist grundsätzlich kein leichtes Unterfangen, weil Jugendliche tendenziell dazu neigen, sich betont souverän zu geben und Abhängigkeit verleugnen. Der Beobachtungs- und Abklärungsaufenthalt in der DSW bietet für die Jugendlichen eine gute Gelegenheit ihre Position in der Gruppe zu reflektieren. Als Psychologe erhalte ich dabei die einmalige Gelegenheit Gruppenprozesse, die auf der Wohngruppe, in der Schule oder in der Werkstatt ablaufen, unmittelbar mitverfolgen zu können. Im Einzelgespräch werden diese Themen aktiv angegangen und bearbeitet. In diesem Sinne bilden bei uns das Verhaltenstraining, unser Sanktionssystem, die pädagogischen Interventionen sowie die psychologischen Gespräche eine sinnvolle Einheit mit dem Ziel, die Jugendlichen sukzessive in Richtung eines verantwortungsbewussten und prosozialen Verhaltens zu führen.

Gernot Ruzicka, Psychologe


 

[1] SCHNEIDER, H.J.: Kriminologie für das 21 jahrhundert. Münster 2001.