Jahresbericht 2010
Von Riesen und Zwergen oder wie
Gruppendynamik wirkt!
Grundsätzliches zum Begriff der Gruppendynamik
Seit der Formulierung durch Kurt Lewin in Amerika 1939 ist die Entwicklung des Konzepts der Gruppendynamik sehr vielgestaltig verlaufen. Wir bewegen uns fast ausschließlich in Gruppen oder Gemeinschaften. Ob bei der Arbeit, in Clubs, beim Sport, in Parteien oder Vereinigungen. Die Erfahrungen, die wir dort sammeln, machen einen Gutteil unserer Kulturgeschichte aus. Alle Innovationen sozialer, künstlerischer und wissenschaftlicher Art gehen meist von Gruppen aus[1].
Die Frage, wie Menschen förderlicher zusammenarbeiten können, steht quasi am Anfang der Bemühungen des Lewinschen Forscherteams in den USA. Lewin fordert hier zu erforschen, wie sich eine Gruppe in ihrer (subjektiven) Realität verändert.
Das Konzept der Gruppendynamik wurde in einem experimentellen Rahmen entwickelt und sollte, im weitesten Sinne, zur Demokratisierung der Arbeitswelt beitragen. Die Ziele waren (und sind es noch heute) Freiwilligkeit, Entwicklung und Autonomie des Einzelnen in der Gruppe.
KÖNIG führt dazu aus, dass es sich hierbei um eine Methode handelt, in einer experimentellen Umgebung Erfahrungen über grundlegende psychosoziale und sozialpsychologische Prozesse zu gewinnen, sich aber nicht nur auf kognitive Prozesse zu beschränken, sondern jedem einzelnen Menschen die Möglichkeit zu geben, emotional nachzuvollziehen, wie er oder sie in eine Gruppe eingebunden von ihr beeinflusst und auch abhängig ist[2].
Gruppendynamik erforscht Teilaspekte und das dynamische Ganze einer Gemeinschaft. In der DSW wird das Konzept der Gruppendynamik in drei Bereichen angewendet. In der praktischen Arbeit mit den Jugendlichen, in den Team- und Fallbesprechungen und in der Supervision. Diese drei Arbeitsfelder bedingen sich gegenseitig und weisen eine grosse Schnittmenge auf. Welche Stellung wir Erwachsene in Bezug auf die Jugendlichen im Hause haben ist dabei eine der Leitfragen. Es ist keine Weisheit festzustellen, dass wir Erwachsene wie auch die Jugendlichen über spezifische lebensgeschichtliche Erfahrungen verfügen. Das was wir erleben und neu lernen, die bewusste und unbewusste wechselseitige Beeinflussung, bestimmt unser Handeln sowohl in unserem Leben als auch in der Institution. Neben den biografischen Ereignissen und den situativen Umständen (hier das Leben in der Geschlossenheit) kommt bei den Jugendlichen noch die Symptomentstehung hinzu (dissoziales Verhalten, Adoleszenzkrisen, psychiatrisch orientierte Auffälligkeiten). Die individuelle Lebensgeschichte und die Dynamik der Gruppe stehen in einem engen Funktionszusammenhang.
Wenn sich Menschen zu einer Gruppe formieren geht es neben dem Bemühen um Kooperation und Entwicklung immer auch um Macht, Einfluss und Status. Das geschlossene Milieu der DSW, die Herkunft und die Erfahrungen der Jugendlichen fördern auch destruktive Kräfte, die erkannt, gebündelt und umgeformt werden müssen. Wenn ein Ergebnis gruppendynamischer Forschung wichtig ist, dann der Satz: Gruppendynamik wirkt immer. Ist mir als professionell Handelndem bewusst, welche Kräfte in einer Gruppe herrschen, wie sie auf mich persönlich wirken und welche Rolle ich in der Organisation habe, nehme ich Einfluss auf die Entwicklung der Gruppe und die Institution.
Wolfgang Schmidt, stellvertretender Leiter DSW
[1] ARNOLD, W./EYSENCK, H.J./MEILI, R.: Lexikon der Psychologie. Freiburg 1987.
[2] KÖNIG,
O.: Die Zwänge der Gruppe und die Grenzen professionellen Handelns. In:
Gruppendynamik und Organisationsberatung,
31. Jahrg. Heft 1, 2000.