Jahresbericht 2010
Von Riesen und Zwergen oder wie
Gruppendynamik wirkt!
Weitere Berichte zu diesem Thema:
Grundsätzliches zum Begriff der Gruppendynamik
Gruppenprozesse und Gewalt-Subkultur
".. nicht mehr Staub aufwirbeln, als du schlucken kannst."
Liebe Leserin, lieber Leser
Mit dem vorliegenden Jahresbericht möchten wir Ihnen wieder zu einem spezifischen Thema einige interessante Aspekte unserer Arbeit vermitteln. Wir haben das Phänomen Gruppendynamik gewählt, weil gerade in einem geschlossenen Rahmen besonders gut beobachtet werden kann, wie sich die Mitglieder einer Gemeinschaft zueinander verhalten.
Das Thema beschäftigt uns rund um die Uhr, wir sind wahre Experten geworden, die Dynamik der Jugendlichengruppe (und die Auswirkungen auf die Erwachsenen, selbstverständlich) zu beobachten, zu beschreiben, zu analysieren. Unser Ziel ist es, gruppendynamische Prozesse so weit als möglich, zu beeinflussen damit wir ihnen nicht ausgeliefert sind sondern aktiv mit steuern. Das Jahr 2010 war jedoch auch geprägt von bereichernden Herausforderungen, nachstehend einige Einblicke dazu.
Wichtige Ereignisse und Entwicklungen im Geschäftsjahr 2010
Der DSW- Alltag
Wie Sie aus der Statistik lesen können, hatten wir im vergangenen Jahr, trotz
eines kleinen
„Sommerlochs“,
wiederum eine sehr hohe Belegung. Selbstverständlich haben wir uns nach den
Gründen dieser kleinen Nachfragepause umgehört und konnten feststellen, dass es
in dieser Zeit auch bei den Jugendanwaltschaften und Polizeikorps
‚ruhig’
war.
Nach bald achtzehn Betriebsjahren bedarf es in naher Zukunft einiger Renovationen. Die feuerpolizeilichen Umbaumassnahmen sind bereits teilweise realisiert. Handwerker haben sich in den letzten Monaten in unseren Räumlichkeiten zu Experten im Umgang mit einer geschlossenen Institution entwickelt und alle Einschränkungen ohne Wenn und Aber akzeptiert. Dies erachte ich nicht als selbstverständlich.
Die Jugendlichen
Die Gründe für die
Einweisung von Jugendlichen waren sehr unterschiedlich. Tendenziell waren es
mehr zivilrechtlich eingewiesene Jugendliche, die über wenig familiären Rückhalt
verfügten und in deren Leben der Beistand oder die Beiständin oft die einzige
verbindliche Bezugsperson darstellte. Perspektiven und konstruktive Lebensziele
zu erarbeiten, ist für diese Buben besonders schwierig. Resignation und eine
innere Verzweiflung
„…es
hat alles ja doch keinen Sinn, eine Ausbildung schaff ich doch nicht und wäre
auch zu anstrengend“
bekommen wir oft zu hören. Viele Gespräche schaffen in kleinen Schritten
Vertrauen, sich auf den Abklärungsprozess einzulassen. Die Erfahrung, dass es
sich lohnt Angebote anzunehmen, gibt ihnen Sicherheit und Mut, sich an der
Planung aktiv zu beteiligen.
Zwei Ereignisse haben uns sehr beschäftigt. Ein Jugendlicher entdeckte eine Möglichkeit wie er, trotz des Natodrahtes, über die Hofmauer entweichen konnte. Dafür hat er erhebliche Verletzungen in Kauf genommen. Der Jugendliche wurde am darauffolgenden Tag aufgegriffen und in die DSW zurückgeführt. Die kleine Lücke haben wir mit einer zusätzlichen Installation sofort geschlossen.
Im letzten Herbst waren wir an einem Abend mit aussergewöhnlichem Widerstand von mehreren Jugendlichen konfrontiert. Dies gipfelte in einer kollektiven Verweigerung von fünf Jugendlichen. Nachdem Beamte der Stadtpolizei Winterthur die Jugendlichen in ihre Zimmer führen wollten, widersetzten sich diese erneut massiv, beschimpften und bedrohten die Polizisten, gerieten in eine Art Gruppenrausch und waren phasenweise nicht mehr erreichbar. Sie mussten daraufhin für vierundzwanzig Stunden in Polizeihaft versetzt werden. Nach Rückkehr der Jugendlichen konnte die Leitung in Einzelgesprächen die Situation tiefer analysieren. Teilweise entschuldigten sich die Jugendlichen. Die Sicherheit des Betriebes und die Kooperation waren wieder hergestellt. Die Zusammenarbeit mit der Stadtpolizei Winterthur hat sich einmal mehr bewährt und dafür sind wir sehr dankbar.
Im Team
Nach nur 3
½
Jahren Tätigkeit in der DSW hat sich Herr Thomas Jud, stv. Leiter DSW, im
Frühjahr entschieden eine neue Herausforderung anzunehmen. Ich danke Herrn Jud
an dieser Stelle für seine engagierte Mitarbeit und das Einbringen seiner
enormen Erfahrungen.
Sein Nachfolger, Herr Wolfgang Schmidt, erwies sich als eine ausserordentlich glückliche Nachfolge. Herr Schmidt hat bereits acht Jahre DSW- Erfahrung, und zwar von 1994 bis 2002. Anschliessend bereicherte er sein Wissen in verschiedenen Bereichen, was nun auch dem DSW-Team hilfreich ist. Die Zusammenarbeit auf Team- und Leitungsebene ist konstruktiv, produktiv, respektvoll und sehr wertschätzend. Ich kann sagen, dass das Gesamtteam DSW sehr gut unterwegs ist und sich auf ein weiteres spannendes Jahr freut.
Dank
Nun nutze ich wieder die Gelegenheit, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
für die professionelle und engagierte Arbeit des vergangenen Jahres von Herzen
zu danken. Es freut mich, auch nach so vielen Jahren zu beobachten, wie mit
Herzblut und Motivation gearbeitet wird.
Ein herzlicher Dank gebührt genauso den Damen und Herren der Betriebskommission und des Vorstands. Diese Zusammenarbeit schätze ich nach wie vor sehr. Der Austausch, der Rat und die Unterstützung auf der Metaebene sind wertvoll und ermutigen uns, über Grenzen hinaus zu denken.
Danke sagen möchte ich für jede Art von Unterstützung auch den einweisenden Behörden, externen Fachstellen und Fachberatungen, den Institutionen, Eltern und uns zugewandten, interessierten Fachleuten und Vereinsmitgliedern. Dies motiviert und erfüllt uns mit Freude und Stolz.
Monique Huber, Leiterin DSW